Cambridge & London 2015

Zwei fantastische Abende mit Al Stewart und Band


Als Al Stewart Mitte letzten Jahres ankündigte, am 16. Mai in der Royal Albert Hall mit kompletter Band aufzutreten und dabei zwei seiner Alben in ganzer Länge zu spielen („Year Of The Cat“ und „Past, Present And Future“), hatte ich die Nachricht zunächst mit einem lachenden und einem weinenden Auge aufgenommen. Zum einen sind es zwei meiner Lieblingsalben und es freute mich natürlich, denn es würde sicher Aufnahmen davon geben und einen großen Teil der Fans begeistern. Zum andern würde ich ihn aber nicht live sehen können, da gerade für dieses Wochenende schon seit langer Zeit eine Gruppenreise nach Serbien geplant war, die ich als Mit-Organisator unmöglich absagen konnte. Umso größer war dann die Freude um die Weihnachtszeit, als ein identisches Zusatzkonzert für den 22. Mai angekündigt wurde. Sofort waren die Tickets bestellt, Flüge nach England gebucht und Hotels ausgewählt. Da das Konzert am Vorabend nicht weit von London in Cambridge stattfinden sollte, wurde die Konzertreise natürlich gleich für beide Besuche genutzt.

Cambridge

Hartmut, einer meiner besten Freunde, hatte mich bereits bei meinen beiden letzten England-Konzertreisen zu Ian Hunter und Mott The Hoople begleitet; er sagte auch diesmal wieder sofort zu. Nicht zuletzt weil er auch Al’s Musik mag. Am Donnerstagmorgen ging es in aller Frühe los, da unser Flugzeug bereits um 6:30 Uhr startete. Durch den Zeitunterschied waren wir schon um 8:00 Uhr in Cambridge, wohin Züge direkt vom Flughafen Stansted aus fahren. Cambridge ist eine wunderschöne alte Stadt und war uns vor allem durch die berühmte Universität bekannt. Wir verbrachten den ganzen Tag mit Rundgängen durch die Stadt und waren abends zeitig in der Corn Exchange, wo das Konzert stattfinden sollte. Es waren für diesen Abend 3 Begleitmusiker angekündigt, was immerhin schon die doppelte Stärke ist, die Al sonst meistens auf die Bühne bringt. Als wir vor der Konzerthalle ankamen, konnten wir gleich ein passendes Straßenschild bestaunen: Direkt neben der Halle verläuft der Parsons Court, der zudem noch zum Pop Information Center führt.


 
   

Im großen Eingangsbereich konnte man den Merchandising-Stand nicht übersehen. Schnell waren ein Schlüsselanhänger und das Tour-Polohemd erstanden, letzteres gab es zum Sonderpreis von nur 10 Pfund. Dave sagte uns später, dass diese Hemden bei den letzten beiden Konzerten billiger verkauft würden, um sie alle los zu werden. Was aber nicht ganz gestimmt hat, denn am nächsten Abend musste man für das Hemd wieder 25 Pfund bezahlen.


 

Wir hatten Plätze auf der höchsten Empore, ziemlich zentral, aber leider nicht so ganz nah bei der Bühne. Trotzdem waren Sound und Sicht sehr gut. Das Programm begann mit 3 Solostücken von Dave Nachmanoff: „I’m Not The Guy“, ein neuer Song, der auf seinem nächsten Album enthalten sein wird. Als nächstes „Say Goodbye To The Elephants“, das Hartmut erstaunlicherweise kannte, und als drittes „The Loyalist“. Dann erschien Al unter großem Applaus auf der Bühne und die beiden starteten mit „House Of Clocks“, man kann schon fast sagen wie gewohnt. Vor dem nächsten Stück „Night Train To Munich“ stieß Tim Renwick zu den beiden, so dass drei Gitarristen auf der Bühne waren, die erstaunlich gut harmonierten. Tim Renwick hat mit zahlreichen musikalischen Größen zusammengespielt, so war er viele Jahre Gitarrist von Pink Floyd und Al Stewart, etwas kürzer für Elton John, Procol Harum, David Bowie, Mike Rutherford, Alan Parsons, Eric Clapton und Mike Oldfield. Wieder eine Nummer später wurde die „Band“ komplettiert durch den Saxophonisten Marc Macisso. Dieser spielte aber nicht nur Saxophon, sondern auch Mundharmonika und Flöte. Und um es vorwegzunehmen: Er gab sämtlichen noch folgenden Stücken den gewissen Pep mit brillanten Soli und sonstigen Einlagen. Was für Al Stewart erstaunlich ist: Erst nach dem zweiten Stück begann er seine Konversation mit dem Publikum. Sie geriet gewohnt ausführlich und locker, brachte aber für die Fans nichts essentiell Neues, so dass ich für diesen Abend nicht weiter darauf eingehe. Auf jeden Fall war Al aber die Freude am Singen, Spielen und Sprechen anzuhören, die er nach 50 Bühnenjahren immer noch mitbringt. Zudem ist es erstaunlich, wie gut sich seine Stimme gehalten hat. Wenn man die Augen schließt, kann man sich durchaus Jahrzehnte zurückversetzen und merkt keinen Unterschied.

Es folgten nun zwei Stücke aus dem Album „Past, Present And Future“, das ja für den nächsten Abend in voller Länge angekündigt war: „Warren Harding“ und „Soho“. Beide hatten gegenüber den Studioversionen Änderungen in den Instrumentalteilen erhalten, was sie noch hörenswerter machte als sie es ohnehin schon sind. Weiter ging es mit „Carol“, das noch fetziger rüberkam als auf dem Album und besonders durch Tim’s Gitarrenparts geprägt war. Als letztes Stück vor der Pause folgte „Time Passages“: Hier ist die außerordentlich gute Spielweise von Marc Macisso auf dem Saxophon zu erwähnen. Trotz der fehlenden Keyboards kam der Song hervorragend herüber und bildete den absoluten Höhepunkt des ersten Konzertteils.


 

Im Anschluss an die Pause stand das komplette „Year Of The Cat“-Album auf dem Programm. Die Reihenfolge der Lieder war exakt die gleiche wie auf dem Album. Der Opener „Lord Grenville“ kam trotz der im Vergleich zum Original völlig unterschiedlichen Instrumentierung sehr gut rüber. Extrem viel Applaus gab es natürlich für „On The Border“. Herausragend und um Längen besser als die Studioversion war „Midas Shadow“. Marc Macisso setzte die Mundharmonika sehr exzessiv und glänzend ein, zudem war das Zusammenspiel der Gitarren fantastisch. Es folgte eine gelungene Version von „Sand In Your Shoes“. Bei „Leave It“, dem finalen Stück der ersten Albumseite, waren die Saxophonparts viel intensiver als im Original und der Rhythmus hatte extrem viel Power.

Nach ausführlichen Erklärungen über „Flying Sorcery“ (dass es eigentlich ein Liebeslied ist) nahm der Song seinen gewohnten Lauf. Beim nächsten Stück, „Broadway Hotel“, glaubte ich nicht richtig zu sehen: Dave wurde eine Violine gereicht, und er meisterte diesen Part ganz hervorragend. Die Violine trägt das ganze Stück, gibt ihm seine Eleganz und Leichtigkeit, und Dave machte das wirklich sehr gut. Was Marc anschließend bei „One Stage Before“ aus der Mundharmonika herausholte, ist kaum mit Worten zu beschreiben: Einfach großartig. Es folgte nun der absolute Höhepunkt des Abends: „Year Of The Cat“, der Song, der Al berühmt machte. Hier passte alles wunderbar zusammen und selbst Al erkennt ja inzwischen an, dass der Saxophonteil der beste Teil des Stücks ist. Genauso war es auch.

Die Musiker verabschiedeten sich nun und Hartmut sagte, dass sie vielleicht besser nicht zur Zugabe zurückkommen sollten, denn dieser Höhepunkt mit „Year Of The Cat“ sei nun nicht mehr zu toppen. Aber sie kamen natürlich und führten „Sheila Won’t Be Coming Home“ auf, ein Stück, bei dem sowohl Dave wie auch Al Gesangspassagen übernehmen. Dave schaffte es das Publikum zu animieren, den Refrain immer mitzusingen, was dann auch recht lautstark gelang. Als zweite und letzte Zugabe wurde der Elvis-Song „It’s Alright Mama“ gespielt, wobei Al sich bei dieser alten Rock&Roll-Nummer sichtlich wohlfühlte. Ein Konzert der Superlative war hiermit nach ca. zweieinhalb Stunden (die Pause mitgerechnet) zu Ende gegangen.

Nach dem Konzert gab Al Autogramme und nahm sich dafür dankenswerterweise sehr viel Zeit. Die zahlreich anstehenden Fans wurden alle bedient, konnten ein paar Worte mit Al wechseln und auch jeweils für ein gemeinsames Foto posieren. Selbst über meine wahrscheinlich etwas aufdringliche Bitte um einen Song über die Donauschwaben auf seinem nächsten Album will er eventuell nachdenken. Dave teilte uns übrigens noch mit, dass er nächstes Jahr eine Europatournee macht und dabei auch zu drei Terminen nach Deutschland kommt. Er verkaufte mir schon das Tour-Shirt für 2016, das gleichzeitig ein Gutschein ist und bei den Konzerten zu einem kostenlosen Album berechtigt.

London


 

Wir kamen am nächsten Tag gut nach London, auch wieder mit dem Zug. Einen sehr schönen Blick über weite Teile der Stadt hatten wir aus dem London Eye, das man jedem Touristen nur empfehlen kann. Die Royal Albert Hall, in der am Abend das Konzert stattfinden sollte, ist ein prächtiges Opernhaus und gibt jeder Aufführung ein königliches, elegantes und der Musik von Al Stewart würdiges Flair. Wir hatten erstklassige Plätze auf der 2. Ebene, 1. Reihe, direkt über der Bühne.


 

Der Programmablauf für diesen Abend schien klar und es sollte auch genau wie geplant kommen: Gleich zu Anfang stand die komplette Band auf der Bühne. Zu den vier Musikern des Vortags gesellten sich noch Al’s langjähriger Weggefährte Peter White, der für die Keyboards verantwortlich sein sollte. Von den Shadows war Bassist Mark Griffiths am Start. Noch prominenter ist ein weiterer Weggefährte von Al, Drummer Stuart Elliott, seines Zeichens Gründungsmitglied von Cockney Rebel. Danach spielte er auf zahlreichen Alben von Alan Parsons Project, Paul McCartney und Kate Bush. Des Weiteren zeichneten sich Joe Beckett für Percussions verantwortlich und Gabby Young (verstärkt durch einen Kollegen, dessen Name mir entfallen ist) für die Background-Vocals. Alles in allem eine Band, die allein schon von den Namen her für viel Qualität sorgen musste. Und so sollte es auch kommen.

Es begann mit „Old Admirals“, einem meiner Lieblingsstücke von Al. Ich habe mich riesig gefreut, es zum ersten Mal live zu hören. Es war perfekt gespielt; der Synthesizer vom Original war durch das Saxophon ersetzt, was spitzenmäßig klang. Das anschließende „Warren Harding“ war im Vergleich zur Vorabendversion nochmals etwas ausgeweitet im Instrumentalteil und hörte sich exzellent an, deutlich besser als die gewohnte Albumversion. Gleiches gilt für „Soho“, dem zusätzliche Drum- und Gitarren-Teile spendiert wurden. Vor „Last Day Of June 1934“ erzählte Al über den inhaltlichen Ursprung aus der Nazizeit. Überhaupt war Al an diesem Abend noch gesprächiger als tags zuvor, was der Atmosphäre zwischen Band und Publikum sehr gut tat. Das nächste Stück, „Post World War II Blues“ kündigte er an als „English Pie“, das er bewusst als Pendant zu Don McLean’s „American Pie“ komponiert habe. Der Song war wesentlich länger als auf dem Album, unter anderem gab es eine komplett neue Strophe. Das Publikum war entsprechend begeistert. Über „Roads To Moscow“ braucht man nicht mehr viel zu sagen. Es ist in meinen Augen ein absolutes Meisterwerk und wurde auch perfekt inszeniert. Hier traten die Background-Sänger bei den Chor-Passagen gut in Erscheinung, und auch Al sang diesen Chor mit. Ich hatte mich schon immer gefragt, worüber das folgende Stück, „Terminal Eyes“, handelt. Al gab die Erklärung: Es sei seine erste Komposition mit Nonsens-Lyrics. Als Vorbild habe er sich dabei John Lennon genommen, der kurz zuvor auch damit angefangen hätte. Entsprechend klingt es sehr nach den Beatles. Überraschenderweise war Dave wieder ausgiebig mit seiner Violine am Werk, zudem war die Musik noch fetziger als das Original. Eine Super-Nummer. Zum Abschluss des Albums wurde „Nostradamus“ gespielt, eine perfekte Mischung aus den beiden bekannten Versionen des Originalalbums und der Live-Version auf „Indian Summer“, mit Flöteneinlagen und einem wunderschönen Ende durch Gabby Young’s Gesang.


 

Nach der Pause dann wieder etwas Ungewohntes: Das Intro von „Lord Grenville“ war – richtig passend – dem Möwengeschrei-Outro von „The Dark And The Rolling Sea“ entlehnt, sogar etwas länger. Klang und Performance waren wieder einmal super, trotz des fehlenden Orchesters. Vor „On The Border“ erzählte uns Al, wie es zu der Spanischen Gitarre im Stück kam: Alan Parsons war der Meinung, es sei so nicht perfekt und zur Perfektion würde eben diese Spanische Gitarre noch fehlen. Das Problem bei den Aufnahmen war nur: Wo jetzt einen Gitarristen hernehmen, der Spanische Gitarre spielen kann. Zur Überraschung aller outete sich Peter White als Könner auf diesem Instrument, was alle verblüffte, da er bisher in der Band nur Keyboard gespielt hatte und niemand wusste, dass er überhaupt Gitarre spielen kann. Auf jeden Fall war Alan Parsons vom Ergebnis begeistert, genau wie wahrscheinlich jeder, der „On The Border“ kennt. Und natürlich ließ es sich Peter White nicht nehmen, auch an diesem Abend auf der Bühne die Spanische Gitarre dazu zu spielen. So kam Allround-Talent Dave zu seinem Einsatz auf den Keyboards, was nicht zum letzten Mal an diesem Abend gewesen sein sollte. Die Begeisterung des Publikums kannte kaum Grenzen. „Midas Shadow“ wurde im Gegensatz zum Vortag leider fast ohne Mundharmonika gespielt und war für mich die einzige kleine Enttäuschung des Abends. Al erzählte uns, dass er nach den Album-Aufnahmen den Vorschlag gemacht habe, „Sand In Your Shoes“ als neue Single herauszubringen. Dies wurde (aus heutiger Sicht glücklicherweise) von der Plattenfirma abgelehnt. Dazu erzählte er auch die bekannte Geschichte mit Paul Simon, dessen neue Songs er oft bewerten durfte, wie er diesem einst empfahl, „Homeward Bound“ auf den Müll zu werfen. Single oder nicht – „Sand In Your Shoes“ ist an sich hervorragend und wurde auch gemäß seiner Qualität präsentiert. „Leave It“ war ähnlich gespielt wie am Vortag, tolle Saxophon-Passagen, sehr fetzig, und mit den vielen Instrumenten klang es diesmal noch etwas besser.


 

„Flying Sorcery“ war kaum von der Albumversion zu unterscheiden und ebenfalls ausgezeichnet vorgetragen. Bei „Broadway Hotel“ kam Dave wieder als Geiger zum Einsatz und machte seine Sache hervorragend. Den Inhalt des Stücks erklärt uns Al so ziemlich jedes Mal anders, diesmal handelte es sich um eine ungarische Tänzerin und einen ungarischen Zimmerjungen. Die Tänzerin wollte sich in dem Hotel umbringen, traf dann aber ihren Landsmann und nahm von ihrem Vorhaben Abschied. Als sie aber nach einer Woche glücklicher Beziehung festgestellt habe, dass sie überhaupt nicht zueinander passen, hätte sie sich anschließend dann doch das Leben genommen. Das folgende „One Stage Before“ gefällt mir im Original nicht besonders. Aber was die Musiker an diesem Abend daraus gemacht haben, war Weltklasse: Äußerst beeindruckende Mundharmonika-Passagen und ein neues langes, rockiges und supermäßig gespieltes Outro. Der Applaus war entsprechend. Das letzte Stück vor der Zugabe war natürlich wieder „Year Of The Cat“. Noch nie habe ich es in einer so tollen Version gehört. Marc Macisso tauchte beim ersten Saxophon-Part mitten im Publikum auf und zelebrierte so sein perfektes Solo. Ich fand es besonders schön, dass im Verlauf der Performance noch weitere – im Original nicht enthaltene – Saxophonpassagen folgten. Wieder ein perfekter Abschluss und wir fragten uns alle, was denn wohl heute als Zugabe ansteht.



 

Dies beantwortete die Band mit der schon am Vortag aufgeführten sehr rockigen Nummer „Carol“. Noch rockiger als im Original vorgetragen und mit exzellentem Gitarrenspiel von Tim Renwick. Al und Peter berichteten anschließend über die Entstehungsgeschichte ihres ersten gemeinsam komponierten Songs, „Time Passages“. Peter hatte zunächst zwei Riffs, für die er Verwendung suchte, und so entstand „Time Passages“ auf recht ungewöhnliche Weise mit Al’s Hilfe eben gleich mit einem Riff mehr als üblich. Die Performance war – welch Überraschung – wieder 1a. Wobei natürlich besonders das Saxophon zur Geltung kam. Leider blieb es wieder bei zwei Zugaben, aber der gesamte Abend war einfach perfekt und wird mir in ewiger Erinnerung bleiben. Genau wie der Abend zuvor.

Zum Schluss des doch etwas lang gewordenen Berichts möchte ich kurz Dave Nachmanoff zitieren, den ich nach der Show noch kurz getroffen habe und der mir sagte: „Dieter, sei froh, dass Du heute bei diesem Konzert warst und nicht bei dem vor einer Woche. Wir haben heute viel besser gespielt.“


 

Dave und Dieter